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Multiple Sklerose

Was ist eine MS?

Die Multiple Sklerose – abgekürzt MS – ist eine chronisch entzündliche Erkrankung von Gehirn und Rückenmark, bei der es zur Entmarkung (Demyelinisation) bestimmter Nervenfasern kommt. Das Mark ist eine fetthaltige Schicht um diese Nervenfasern. Sie ist mit 30 bis 80 Erkrankungen auf 100.000 Menschen eine recht häufige Krankheit des zentralen Nervensystems, die in der Regel im frühen Erwachsenenalter – etwa zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr – beginnt.

Unter den verschiedenen Verlaufsformen der Multiplen Sklerose gibt es sehr milde Fälle, die im Alltagsleben kaum spürbar sind. Seltener treten gravierende Verläufe auf, welche die Erkrankten innerhalb kurzer Zeit ihrer Selbständigkeit berauben.

In Deutschland leben etwa 120.000 Betroffene, wobei Frauen mit 61 Prozent häufiger erkranken als Männer. Global betrachtet herrscht bei der Verteilung der MS ein Nord-Süd-Gefälle vor: In kälteren Zonen ist die Krankheit häufiger als in der Nähe des Äquators. Außerdem gibt es ethnische Unterschiede. Menschen mit europäisch-kaukasischer Abstammung erkranken am häufigsten, Japaner am seltensten. Woher diese Unterschiede kommen, ist ebenso wie die Ursache der MS trotz vieler Theorien noch unbekannt.

Wie kommt es zu dazu?

Die meisten Experten sind sich darin einig, dass eine Fehlreaktion des körpereigenen Abwehrsystems (Autoimmunerkrankung) zur allmählichen Zerstörung der Nervenhüllen (Myelinscheiden) führt. Dies beeinträchtigt die Weiterleitung von Nervenimpulsen und führt somit zu Lähmungen, sensiblen Reizerscheinungen des Körpers, häufig Sehstörungen auf zunächst einem Auge und vielen anderen Symptomen.

Eine Schlüsselrolle bei der Entstehung der MS spielen die T-Zellen der Immunabwehr. Normalerweise können sie gut zwischen körpereigenem Gewebe und Eindringlingen wie Bakterien oder Viren unterscheiden und gelangen normalerweise nicht in das Nervensystem. Die T-Zellen können jedoch im Rahmen eines noch unklaren Mechanismus aktiviert werden. Stoßen sie nun auf eine durch Entzündungsmechanismen durchlässige Blut-Hirn-Schranke, dann finden sie an den Zellen der so genannten weißen Substanz im Gehirn ein passendes Antigen. Dies führt zur zunehmenden Zerstörung der weißen Hirnsubstanz. Im Gehirn können die T-Zellen so genannte Fresszellen (Makrophagen) dazu anregen, sich an dem Zerstörungswerk zu beteiligen. Ein Teil der Nervenhüllen kann so “abgeknabbert” werden; sie können dann ihrer eigentlichen Funktion, Signale weiterzuleiten, weniger gut bis mitunter (vorübergehend) gar nicht mehr nachkommen.

In Familien, bei denen bereits ein Mitglied erkrankt ist, haben die anderen ein erhöhtes Risiko, an der MS zu erkranken. Dies deutet darauf hin, dass auch genetische Veranlagung eine Rolle spielt.

Was sind die Symptome? Fast immer sind es für den Betroffenen oder auch den Hausarzt nicht sicher einzuordnende Störungen im Sinn eines Schubes, der die Patienten erstmals in die Praxis führt. Ein Neurologe (Nervenarzt) versucht anhand der Krankengeschichte (Anamnese) den Krankheitsverlauf zu rekonstruieren. Folgenden Symptome treten im Anfangsstadium einer MS besonders häufig auf:

- Plötzlich auftretende Sehstörungen
-Lähmungen verschiedener Extremitätenbereiche

Sensible Reizerscheinungen, von Patienten oft mit dem Satz “Es kribbelt so komisch” beschrieben. Es können auch andere Missempfindungen wie ein pelziges Gefühl auftreten. Dies kann unter Umständen sogar zu einem vollständigen Verlust des Gefühls, also zur Taubheit einer Körperregion, führen.

- Müdigkeit
- Schwindel
- Sprachstörungen
- Blasenschwäche, Verstopfung und andere Störungen der Harnwege und Verdauungsorgane
- Leistungsschwäche bei erhöhter Körper- oder Außentemperatur (Uhthoff-Phänomen)

All diese Merkmale können auch bei anderen Krankheiten auftreten. Der individuell sehr unterschiedliche Verlauf der MS erschwert zumindest im Anfangsstadium die Diagnose. Um den Verdacht auf eine MS zu bestätigen, sollten im Lauf des Lebens an zumindest zwei verschiedenen Körperstellen zu mindestens zwei verschiedenen Zeitpunkten anders nicht zu erklärende Beschwerden aufgetreten sein. Daher auch der Name Multiple (vielfache) Sklerose (dies meint die häufig zurückbleibenden Vernarbungen im Gehirn).

Da die Diagnose einer Multiplen Sklerose nicht immer aus der Krankengeschichte und dem Beschwerdebild ausreichend geklärt werden kann, sind häufig eine Reihe von Untersuchungen notwendig.

Wie kann man behandeln?

Es gibt im wesentlichen drei Strategien der Krankheitsbekämpfung.

Akute Schübe lassen sich durch die Gabe von entzündungshemmendem Kortison und seiner Abkömmlinge mindern und abkürzen. Je nachdem, welche Störungen oder Behinderungen aufgetreten sind, wird der Arzt auch Medikamente verschreiben, welche einzelne Symptome gezielt bekämpfen. Dazu gehören muskelentspannende Medikamente, Antidepressiva bei Depressionen und Angst, Antiepileptika bei Krampfanfällen und Schmerzmittel. Es gibt auch Mittel gegen Blasenstörungen.

Physiotherapie, Krankengymnastik und eine gesunde Ernährung helfen im Umgang mit der Krankheit. Fordern, aber nicht überfordern, heißt die Devise. Experten raten deshalb zu regelmäßiger körperlicher Betätigung (Schwimmen, Gymnastik, Tretrad) – auch bei Patienten mit fortgeschrittener MS. Mit zunehmender Behinderung wird die emotionale Unterstützung durch Familie, Freunde und Pfleger immer wichtiger. Nicht selten treten ernsthafte Depressionen auf, die mit Medikamenten und/oder Psychotherapie behandelt werden müssen.

Die Symptome der Multiplen Sklerose können häufig gelindert werden, heilbar ist die Multiple Sklerose aber bisher nicht. Es gibt jedoch mehrere Medikamente, die das veränderte Immunsystem günstig beeinflussen können und dadurch den Krankheitsverlauf bei der schubförmigen bzw. der sekundär-progredienten Form der MS abbremsen können. In zahlreichen Studien an Tausenden von Patienten wurde nachgewiesen, dass die folgenden Medikamente die Häufigkeit und Schwere der Schübe reduzieren:

Beta-Interferone. Verschiedene Anbieter produzieren diese Arzneien mit Hilfe der Gentechnik. Laut einer Expertenrunde, die kürzlich Empfehlungen für Deutschland, die Schweiz und Österreich ausgesprochen hat, gibt es keine grundsätzlichen qualitativen Unterschiede zwischen den Präparaten. Sie sind jedoch unterschiedlich dosiert und müssen verschieden oft, günstigstenfalls vom Patienten selbst, unter die Haut oder in den Muskel gespritzt werden. Wird eines dieser Präparate schlecht vertragen oder zeigt es keine Wirksamkeit, sollte man unter Umständen ein Alternativpräparat einsetzen.

Glatiramer, Azathioprin und Immunglobuline werden als Alternative empfohlen.

Fachgesellschaften raten Patienten zu einem möglichst frühzeitigen Einsatz dieser einem Schub vorbeugender Maßnahmen, wenn die Diagnose eindeutig ist und es mindestens zwei funktional relevante Schübe in den letzten beiden Jahren gegeben hat oder einen schweren Krankheitsschub mit schlechter Prognose. Die Behandlungskosten liegen bei etwa 30.000 Mark jährlich, werden aber von den Krankenkassen erstattet, wenn die genannten Voraussetzungen erfüllt sind.

Was bringt die Zukunft? Wahrscheinlich gibt es nur wenige Krankheiten, bei denen Forscher ähnlich viele neue Strategien verfolgen. So gibt es weltweit zahlreiche klinische Studien, mit einer Vielzahl von Substanzen. Man erhofft sich davon eine stärkere Bremswirkung auf den Gang der Krankheit und in einigen Fällen versucht man sogar, bereits vorhandene Schäden zu reparieren. Ob diese Versuche erfolgreich sein werden, ist völlig ungewiss, denn die Erfahrung lehrt, dass nur ein kleiner Teil aller klinischen Versuche letztlich zur Einführung neuer Medikamente führt. Zu den beachtenswerten Entwicklungen zählen:

Mitoxantron, eine synthetisch hergestellt Krebsarznei, ist bereits recht gut untersucht und könnte bei jungen Patienten mit schweren Verläufen zum Einsatz kommen oder dann, wenn die Interferone versagen.

Kombinationstherapien aus bereits zugelassenen Präparaten. In aktuellen Studien gibt man ein Betainterferon mit Glatirameracetat, Immunglobulinen oder Mitoxantron. Man hofft dabei, dass die Wirkung zweier Substanzen mit unterschiedlichem Mechanismus besser ist als die Wirkung nur einer Substanz.

Die Plasmapherese (Austausch der Blutflüssigkeit) kommt nur für einen sehr kleinen Teil der Patienten in Frage, bei denen die MS besonders aggressiv verläuft und alle Behandlungsversuche fehlgeschlagen sind. Nachdem die Prozedur innerhalb von zwei Wochen sieben Mal wiederholt wurde, besserte sich der Zustand von neun unter 22 Patienten deutlich. Allerdings erlitten vier von ihnen innerhalb eines halben Jahres einen neuen Schub. Die Methode ist bislang in Deutschland bei MS-Patienten noch nicht angewandt worden. Sie wird aber ähnlich wie die Gabe von Immunglobulinen gerade in der Zeit der Schwangerschaft, in der jedoch offensichtlich ohnehin ein immunologischer Schutz vor MS-Schüben zu bestehen scheint, diskutiert, da hier die Gefährdung des Embryonen geringer ausfällt.

Die Transplantation embryonaler Nervenzellen wurde bereits 1996 in einem Hundemodell der Multiplen Sklerose erprobt. Zwar wuchsen die Zellen an, überlebten bis zu einem halben Jahr und bildeten auch neue Nervenhüllen. Derzeit ist solch eine Nervenreparatur jedoch für den Menschen nicht in Aussicht. Der Ausgang wäre völlig ungewiss und die Beschaffung des Zellmaterials aus menschlichen (abgetriebenen) Embryonen würde ungeheure ethische Problem aufwerfen.

Stammzellen des Nervensystems könnten eines Tages in beliebiger Menge gezüchtet werden, hoffen viele Wissenschaftler. Erste Reparaturversuche mit diesen Zellen sind 1999 bei Mäusen erfolgreich verlaufen. Um die Technik zu perfektionieren, werden Wissenschaftler jedoch noch viele Jahre benötigen. Auch wenn alles gut geht, müssen sich Mediziner erst langsam an den Menschen herantasten und zahlreiche Sicherheitsprüfungen durchführen. Die dann mögliche Erprobung der Technik an einer kleinen Zahl von Freiwilligen wird nochmals viele Jahre dauern. Erst nach diesen Versuchen wird man beurteilen können, ob Stammzellen wirklich eines Tages als Standardbehandlung zur Reparatur der MS und anderer Nervenschäden taugen.

Quelle: NetDoktor